Evangelisches Zentrum Berlin

Das neue Evangelische Zentrum am Friedrichshain wurde um einen Kastienbaum herum gebaut

Das neue Gebäude der Kirchenleitung in Berlin liegt im Ostteil der Stadt auf dem Gelände der Bartholomäuskirche am Friedrichshain. Mehrere kirchliche Gebäude in ganz Berlin wurden dafür verkauft, um die Kräfte hier in einem großen Verwaltungsgebäude zu bündeln. Das Gebäude steht selbst für den enormen Prozeß der Konzentration und Neuorganisation, den die Kirche Berlins und Brandenburgs in den letzten Jahren seit der Wende erlebt hat.

 

Im Konferenzraum 3705 im siebten Stock empfängt die Backnanger Pfarrerschaft Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer. Der stämmige Mann mit Berliner Witz und Charme strahlt eine natürliche Autorität aus. Der frühere Ost-Berliner Pfarrer ist heute Mitglied des Konsistoriums und gestaltet die Reformprozesse seiner Landeskirche auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen in der DDR-Zeit aktiv mit. Dass er dabei als „Muster-Ossi“ schnell auch einmal alleine dasteht, verbirgt er nicht im Gespräch. Schon sein Vater war Mitglied der Bekennenden Kirche im Dritten Reich. Passauer wendet sich auch heute gegen jede staatliche Bevormundung, wie zum Beispiel beim Streit um den Religionsunterricht in Berlin. Vieles erinnere ihn beim verbindlichen Fach „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“ (LER), wie es in Brandenburg schon praktiziert wird, an den Einheitsunterricht des SED-Staates, den es in Berlin mit allen Mitteln des Protestes zu verhindern gelte.

 

Passauer charakterisiert die Situation der neu geschaffenen Landeskirche Berlin-Brandenburg als durch viele Spannungen geprägt. Zu den drei Sprengeln (in Württemberg Prälaturen genannt) Berlin, Cottbus und Neuruppin kam nun erst kürzlich der Sprengel Görlitz mit der schlesischen Oberlausitz hinzu. Größer können die Gegensätze nicht sein: ein starkes Ost-West-Gefälle charakterisiert die neue Landeskirche, der der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Huber in Berlin vorsteht. Während im Westen Berlins noch bis zu 56-60% der Bewohner der evangelischen Kirche angehören, sind es im Brandenburger Teil nur noch 10-12%, im Berliner Osten sogar nur 5-10%. Dazu kommt ein erhebliches soziales Gefälle. Passauer berichtet von einer Kirchengemeinde, bei der der Pfarrer am Tisch des Gemeindekirchenrates der einzigste Verdiener sei; die anderen lebten alle vom Arbeitslosen­geld oder von Hartz IV.

 

Zu dem Ost-West-Gegensatz kommt noch ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Im Görlitzer Sprengel seien alle vier Kirchenkreise insgesamt kleiner als ein Kirchenkreis allein in Berlin. Dies führe zwangsläufig zu Spannungen, wenn etwa in Berlin eine Gemeinde mit 18.000 Gemeindegliedern von drei Pfarrer versorgt werde, während es im Brandenburgischen Bezirke gäbe, die zusammen mit 8.000 Gemeindegliedern über 18 Pfarrer verfügten. Viele Pfarrer auf dem Land klagten jedoch über enorme Belastungen. Manche Pfarrstellen hätten dort bis zu 18 einzelne Orte zu versorgen, mit eigenen Predigtstellen und Kirchengemeinderäten. Andere selbstständige Gemeinden hätten, wie Passauer zu berichten weiß, nur noch 25 Gemeindeglieder; dafür aber einen eigenen Kirchengemeinderat und Vertreter in der Kreissynode.

 

Fakt ist jedenfalls, dass die Brandenburgische Kirche am Tropf Berlins hängt. Von 100 Euro im Landeskirchenhaushalt stammen immer noch 80-84 Euro aus West-Berlin. Eine flächendeckende Versorgung der Gemeinden sei deshalb auf Dauer nicht mehr möglich. Dabei geht die Landeskirche notgedrungen ganz neue Schritte, die Entwicklungen vorwegnehmen, die andernen Landeskirchen Deutschlands erst noch bevorstehen:

    Konzentration der Kräfte: Immer mehr Kirchengemeinden und ganze Kirchenkreise würden zusammengelegt. Von 1.500 Pfarrern nach der Wende habe man das kirchliche Personal im Pfarrdienst auf 700 Stellen reduziert, - und das bei laufendem Betrieb und steigenden Erwartungen und zunehmendem Interesse an der kirchlichen Arbeit. Passauer berichtet von einem Kirchenkreis, der inzwischen nur noch aus zwei fusionierten Kirchengemeinden bestehe. Überhaupt scheint der Trend zu größeren Einheiten zu gehen und Kirchenkreise seien dabei, die Kirchengemeinden als Basiseinheit abzulösen. Die kirchliche Arbeit auf dem Lande gleiche daher eher einer Missionsstation, in der zwei Pfarrer mit einer ganzen Schar von Ehrenamtlichen eine ganze Region betreuten. Für die Landeskirche bedeute dies eine zunehmende Entlastung. Die Kirchenkreise erhielten eine immer höhere Selbstständigkeit und es müsse nun nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit die Kirchenleitung in Berlin eingeschaltet werden. Kirche neu positionieren: Viele Gemeinden in Berlin seien dabei das parochiale Prinzip aufzugeben. Die Menschen gingen ohnehin zu der Gemeinde, zu der sie sich persönlich zugehörig fühlten. Dadurch gäbe es in Berlin inzwischen einen bunten Strauß von Angeboten. Den Konkurrenzkampf der Gemeinden betrachtet der Generalsuperintendent mit Gelassenheit. Passauer berichtet schmunzelnd von einer Gemeinde in Berlin, bei der am Sonntag nach der Ankunft des letzten Gastes beim Gottesdienst die Kirche abgeschlossen werde, - aus Angst vor Taschendieben. Man könne sich doch einmal überlegen, warum immer weniger Menschen zum Gottesdienst kämen. Der gestandene Ostpfarrer kritisiert gerade das Bedürfniss nach Kuscheligkeit in vielen Gemeinden. Er fordert Offenheit und öffentliches Engagement der Gemeinden für eine neue Attraktivität der Kirche. Erfahrungen von früher aufgeben: Die Erfahrungen aus der Zeit des Sozialismus gelte es heute aufzugeben. Es ständen heute ganz andere Fragen im Vordergrund: Gerechtigkeit, politische Diakonie oder die Ethik der Regierenden. Passauer berichtet von Schwierigkeiten mit der klassischen Mentalität gerade in vielen Gemeinden des Ostens, bei der das Engagement für den Frieden und der Widerstand gegen den SED-Staat bis zur Wende im Fordergrund stand. Zum Zusammenstoß kam es auch beim Bau des neuen Evangelischen Zentrums: Kirchliche Friedens- und Umweltgruppen hatten sich damals an den stolzen Kastanienbaum im Innenhof des neuen Areals gekettet, um den Baum zu retten. Das neue Gebäude wurde dann im Halbkreis um den ehrwürdigen Baum herumgebaut und hat dadurch deutlich an Eleganz gewonnen. Viele Büros lägen aber dadurch im Schatten des Baumes – was an heißen Sommertagen allerdings kein Nachteil sei. Passauer kommentiert schmunzelnd: „Der liebe Gott macht am Ende doch alles jut“.

 
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