Erstellt am: 08.05.2024 09:35
Von: Manfred Zoll, Diakon Weissacch im Tal


Schweigen ist gold

Wenn die Zunge verwelkt


Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Stimmt dieses alte Sprichwort? Manchmal schon, wenn es beispielsweise verhindern möchte, dass einerseits sehr viele substanzlose Worte gemacht werden und anderseits zu wenig gehaltvolle. Nun, in welche Kategorie mein Beitrag fällt, das dürfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, selbst entscheiden.

Gegen das Sprichwort spricht ein Satz, den ich bei Pipi Langstrumpf fand: „Was in aller Welt ist mit euch los? Ich will euch nur sagen, dass es gefährlich ist, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht.“

Ein lustiges Bild! Ich stelle mir einen Mund mit „verwelkter Zunge“ vor. Aber angesichts der vielen Worte, die Netzwerke füllen und Ohren fluten, sollte man sich keine Sorgen machen müssen über „zu langes Schweigen“. Angesichts der Verständigung in Partnerschaften, Familien, Freundes- und Kollegenkreisen, Parlamenten und sogar zwischen Nationen, sorgt mich eher die Masse der Worte als ihr Ausbleiben. Auch sorgt mich, dass viel heruminterpretiert, aneinander vorbeigeredet und übereinander geurteilt wird. Bei der Wortflut von Desinformationen, Halbwahrheiten oder Fakenews würde ich mir manchmal verwelkte Zungen wünschen!

Wenn allerdings langes Schweigen Worte der Vergebung verhindert, wenn man dringend einen Weg von Frieden und Versöhnung wagen sollte, da bräuchte es sehr lebendige Zungen. Sonst wird es wirklich gefährlich. Schlampig gelöste Konflikte rächen sich.

Verwelkte Zungen und damit eine große Sprachlosigkeit könnte es auch im Blick auf das Gespräch mit Gott geben. Ob wir unsere Zunge neu nutzen könnten, um ein Gebet zu sprechen, ein Dankeschön, ein „Gott, das hast du gut gemacht!“ „Deine Welt ist wunderschön!“ oder um eine Frage, einen Hilferuf, Verzweiflungsschrei oder Klageworte an ihn zu senden? Gebraucht doch eure Zungen, eure Gedanken, eure Herzen, um mit eigenen Worten, einem Lied oder mit einem biblischen Psalmgebet Gott in den Ohren zu liegen. Sprachlosigkeit führt in die Einsamkeit. Aber Sprache ist ein wunderbares Werkzeug, mehr als das! Sprache befreit, verhindert die Gefahren, die durch zu langes Schweigen drohen. Gebraucht eure Zunge, damit die Verständigung mit Gott lebendig bleibt. Und damit die Frieden und Versöhnung stiftende Verständigung zwischen Menschen vorankommt.

Das Beste zum Schluss: Ich glaube, dass Gott uns sogar dann hört, wenn es uns die Sprache verschlagen hat, die Stimme versagt, wenn nur Gedankenfetzen oder Satzbruchstücke aus unserem Herzen dringen. Dass Gott auch hört, wenn die Zunge schwer wird und kurz vor dem Verwelken ist. Vielleicht könnte diese Sicht auf den hörenden Gott uns ermutigen, sprachfähig zu werden, die Zunge zu gebrauchen? Denn bei ihm ist Reden Gold.

Diakon Manfred Zoll, Weissach im Tal