Was kommt danach?
Meine Großmutter war eine erfolgreiche und selbstbewusste Geschäftsfrau. Sie konnte manchmal auch eisern und durchsetzungsstark sein. Als sie älter wurde, bekam sie Kreislaufschwierigkeiten. Einmal wurde sie sogar ohnmächtig und ihr Herz blieb für einige Sekunden stehen. Sie war für kurze Zeit klinisch tot. Allerdings konnte sie wiederbelebt und ins Krankenhaus gebracht werden. Dort habe ich sie besucht und sie hat mir mit bewegter Stimme gesagt: „Weißt du, als ich ohnmächtig war, habe ich ein großes, warmes Licht gesehen. Alles war so leicht, wie ich mich noch nie fühlte. Ich wollte nicht mehr zurück in dieses Leben.“ Mich hat diese Beschreibung sehr beeindruckt, zumal meine Oma alles andere als eine schwärmerische Frau war. Sie stand mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten und dann kam eine so überirdische Aussage. Nahtoderfahrungen von Menschen, die nach klinischem Tod wieder zurück ins Leben kamen, gibt es immer wieder. Viele von ihnen beschreiben dieses helle Licht, das sie gesehen haben. Biologen sagen, dass solche lichtvollen Wahrnehmungen im Zusammenhang des nahenden Todes wissenschaftlich zu erklären seien. Da würden vom Körper Glückshormone ausgeschüttet, damit das Sterben leichter würde. Das mag man biologisch so sehen. Dennoch sehe ich darin ein wunderbares Hoffnungszeichen für uns Menschen. So wie ein herrlicher Sonnenaufgang im Frühling eben nicht nur ein naturwissenschaftlicher Vorgang ist, sondern auch ein Zeichen für die Größe und Schönheit des Schöpfers, so ist auch das Licht im Sterben für mich ein Zeichen für den, der nach dem Sterben auf mich wartet: Jesus Christus! Der, auf den ich schon in diesem Leben vertraut habe, wird dann vor mir sein und ich werde jetzt erst ganz begreifen, was er meinte, als er zu seinen Jüngern sprach: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern er wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8,12). Meine Großmutter war nach diesem Lichterlebnis anders geworden, weicher und ruhiger. Jeden Abend hat sie fortan in der Bibel gelesen und gebetet und gesagt: „Ich habe die Botschaft verstanden. Ich muss das Loslassen lernen.“ Vielleicht kann der bevorstehende Totensonntag auch für uns eine Einladung sein, dass wir Unnötiges loslassen, um Christus im Glauben zu fassen, damit das Herz weicher werde und die Hände geöffnet werden zur Liebe.
Rainer Köpf, Evangelischer Dekan des Kirchenbezirks Backnang