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Unser Kreuz bei der Wahl

Unsere Demokratie braucht ein hörendes Herz und bekennenden Mut

In einer Woche wird in Baden-Württemberg gewählt. Das Wahlrecht ist ein hohes Gut in einer Demokratie, besonders jetzt, da wir angesichts autoritärer Bestrebungen die Demokratie schützen müssen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat vor ein paar Jahren mit der These überrascht: „Demokratie braucht Religion.“ Bei Demokratie denken wir an Gewaltenteilung, Meinungs- und Pressefreiheit, freie Wahlen und transparente Strukturen – aber nicht an Religion. Die Kirchen haben sich nicht als Vorreiter der demokratischen Bewegung hervorgetan, im Gegenteil: Sie haben demokratisches Denken lange bekämpft.

Was also kann die Religion zur Demokratie beitragen? Hartmut Rosa meint: die Fähigkeit zum Zuhören. Religiöse Menschen sind hörende Menschen. Sie hören erst hin, bevor sie sich äußern. Sie nehmen erst aufmerksam wahr, bevor sie reagieren. Das Hören üben sie im Gebet ein: Landläufig herrscht die Meinung, dass Beten Reden sei. Aber das stimmt nicht. Beten ist in erster Linie Hören. Im Beten werde ich still und gebe Gott Raum, zu mir zu reden. Im Lärm des Alltags höre ich seine Stimme kaum. In der Stille kann ich sie wahrnehmen. Mit den Ohren des Herzens.

Salomo weiß darum. Als er zum König berufen wird, bittet er Gott: „Schenke mir ein hörendes Herz“ (1. Könige 3,9). Nicht um die richtigen Worte bittet er, nicht um eine fesselnde Rhetorik, sondern um das richtige Hören, mit Herz und Ohr. Das ist weise.

Es wird heute so viel geredet, so viel verlautbart, so viel gepoltert. Wir werden regelrecht zugepflastert mit Worten. Alle wollen ihre Meinung loswerden, aber niemand will dem anderen zuhören. Alle hauen im Netz ihre Kommentare raus, aber kaum jemand sucht das Gespräch, die Begegnung.

Ein hörendes Herz – ich meine, das braucht unsere Demokratie heute ganz dringend. In Baden-Württemberg und darüber hinaus. Sie braucht Menschen, die erst mit Herz und Ohr zuhören und dann besonnen antworten. Menschen, die wissen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung nur dann funktioniert, wenn es mit der Pflicht zum Zuhören einhergeht. Mit Äußerungen alleine ist niemandem geholfen.

Stärken wir als Christinnen und Christen doch unsere Demokratie mit einem hörenden Herzen. Und mit unserem Kreuz bei der Wahl.

 

Pfarrer Dr. Hans Joachim Stein, Murrhardt