Temperamentsbolzen
Viele Kirchen tragen das Patronat der beiden Apostel: über lange Zeit war ich selbst an dem Deutschordensmünster St. Peter und Paul in Heilbronn tätig und die beiden Namensgeber regten immer wieder mein Nachdenken an.
Petrus: Ein begeisterungsfähiger Apostel, der sein Temperament nicht ohne weiteres zu zügeln wusste. Er wollte sich nicht die Füße waschen lassen. Wenn er überhaupt den Dienst Jesu annimmt „dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt“. (Joh 13,9) Fasziniert, wie Jesus über das Wasser läuft, will er ihm gleichtun – läuft los, doch der Glaube trägt ihn noch nicht. (Mt 14,22) Als Jesus seinen Leidensweg ankündigt, versteht Petrus den Zusammenhang nicht und sagt: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ (Mt 16,22) Da wird sogar Jesus heftig und reagiert: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“ (Mt 16,23)
Paulus (zunächst Saulus): Ein gebildeter Pharisäer, mit dem jüdischen Gesetz bestens vertraut. Er steigert sich in die Gegnerschaft zu Jesus hinein: „Saulus wütete.“ Er erbat sich vom Hohenpriester Briefe, um die Anhänger Jesu „zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen.“ (Apg 9,2)
Kann Christus für sein Reich solch aufbrausende Temperamentsbolzen gebrauchen? Ja, er lässt sie sogar „aufeinander los“: In Antiochia kommt es zu einem Treffen. Paulus schreibt, da „widerstand ich ihm ins Angesicht.“ (Gal 2,11) Hier wurde Klartext geredet, wahrscheinlich wurde es laut.
Schlussendlich gingen beide den missionarischen Weg weiter. In ihrer Verschiedenheit und gleichermaßen Verbundenheit durch das Anliegen, Christus zu verkünden – seine Botschaft der Liebe in die Welt zu tragen. Wäre dabei Paulus nicht so offensiv in die Gebiete der Heiden gereist, hätte er die Nöte des unterwegs Seins nicht auf sich genommen – dann wäre das Christentum nicht bei uns angekommen.
Ich schaue gern auf Petrus und Paulus: Sie stehen für Temperament, Leidenschaft und persönliches Zeugnis. Sie sind in ihrer Unterschiedlichkeit zum Fundament der Christenheit geworden, dass auch heute keine Angst vor vielfältiger Verschiedenheit haben muss, solange sich die Akteure um Christus als Zentrum verbinden und in seiner Liebe vereinen lassen.
Carsten Wriedt, Diakon, katholische Kirche Backnang