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Auf der Zunge zergehen lassen

Achtsamkeit ist keine neue Erfindung

Haben Sie schon einmal an einer Übung teilgenommen, in der es darum geht, ein Stückchen Schokolade möglichst langsam zu verkosten? Wahrzunehmen mit möglichst vielen Sinnen, zu riechen, zu fühlen, ganz bewusst zu schmecken und zu essen.

Achtsamkeit ist keine neue Erfindung. Sie wurde auch schon im Mittelalter in den Klöstern praktiziert. Bei einer dieser Achtsamkeitspraktiken ging es allerdings nicht um Schokolade. Ganz bewusst „verkostet“ wurde ein Wort oder ein Vers aus der Bibel. Gebetszeiten mit biblischen Lesungen und Psalmen­gebet gab und gibt es ja mehrmals am Tag. In der Zeit dazwischen wurde dann ein Wort daraus während der Arbeit im Garten, auf dem Feld, beim Fischen, Handwerken, Putzen oder in der Küche „gekaut“, immer wieder in Gedanken und Herz bewegt. So war das „ora et labora“ – „bete und arbeite“ – nicht nur der Wechsel von Gebet und Arbeit, sondern auch ein betendes, meditierendes Arbeiten. 

Eine Methode, die darauf beruht, ist die Lectio divina, die „göttliche Lesung“. Bei dieser geistlichen Schriftlesung geht es darum, sich vom Wort Gottes berühren lassen. Sie ist lesendes Beten und betendes Lesen. Wer in die heutige Herrnhuter Tageslosung schaut, findet dort einen verwandten Gedanken. Gott begegnen wir in der Stille, nicht in vielen Worten: 

Alle Welt schweige in Gottes Gegenwart (Hab 2,20).

Manchmal ist es wie beim Sport gut, etwas gemeinsam zu praktizieren, um neue Anregungen zu erhalten oder Vorsätze tatsächlich umzusetzen. Die Lectio divina im Rahmen der Backnanger Bibel-Brücken (am Donnerstag um 19:30 Uhr in Die Christliche Gemeinde (DCG), Maubach, Stegäcker 2, Altes Schulhaus, kostenlos) bietet dazu eine Gelegenheit. Dort wird der Bibeltext gemeinsam gelesen und in der Stille meditiert, „gekaut“ mit Austausch in Kleingruppen zwischendurch.

Auch wer nicht daran teilnehmen kann oder will kann natürlich für sich ein Wort oder einen Satz aus der Tageslesung, der Tageslosung, dem ökumenischen Bibelleseplan oder irgendwo aus der Bibel nehmen und während des Tages unter der Dusche, beim Zahnarzt, Gemüseschneiden oder Joggen im Herzen bewegen. 


Klaus Herberts ist 1. Vorsitzender und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) Backnang.

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