Das Wunder erklärt
Zwei Physikprofessoren, Dr. Muster und Dr. Mann, treffen sich auf der jährlichen Physiktagung in Oslo. In der Mittagspause holt Dr. Muster plötzlich ein Spielzeug aus seiner Hosentasche. Es ist ein kleiner Kreisel, den er auf dem Boden zum Drehen bringt. Zur Überraschung von Dr. Mann dreht sich der Kreisel jedoch plötzlich auf den Kopf und rotiert dann dort auf dem kleinen Stiel weiter. Da die beiden Physikprofessoren sind, zücken sie direkt Stift und Papier und wollen dem Ganzen auf den Grund gehen. „Das ist ja schließlich nur ein Spielzeug“, sagt Dr. Mann. Nach einer Stunde ist die Mittagspause vorbei, und die beiden Professoren kehren ohne Ergebnis frustriert zu ihrer Tagung zurück. Den Kreisel wirft Dr. Muster achtlos in eine Ecke. Dort findet ihn ein kleines Mädchen, das sich unglaublich freut und den Kreisel gekonnt zum Drehen bringt. Als dieser sich dann auf den Kopf dreht, ist sie ganz außer sich und steckt ihn schließlich freudig in ihre Jackentasche.
Diese Geschichte wurde mir vor Kurzem so ähnlich erzählt. Da ich sie so genial finde, steht sie heute in Ihrer Zeitung. Die Konstruktion eines Wendekreisels ist von bestechender Einfachheit. Die Physik dazu ist sehr kompliziert, sodass selbst Experten ins Grübeln kommen. Die Bedienung dagegen ist so einfach, dass jedes Kind damit spielen kann. Was diese Geschichte Ihnen sagen will, das entscheiden Sie selbst. Was sie mir bedeutet, will ich Ihnen nun noch kurz erzählen. Ich lese sie aus meiner Perspektive. Als Sozialarbeiter und Diakon arbeite ich mit Menschen mit psychischer Erkrankung zusammen. Immer wieder begegnet mir dabei die Frage: „Warum habe ich diese Erkrankung bekommen?“ Eine einfache, logische Antwort darauf gibt es selten. Der Umgang damit ist jedoch tausendfach erprobt. Denn wer eine psychische Erkrankung hat, ist damit nicht allein. Und ja - es gibt Wege, aus einer psychischen Erkrankung wieder herauszufinden. Auch dann, wenn man ihren Ursprung nicht vollständig versteht. Man muss ein Problem nicht immer durchdringen, um es lösen zu können. Was für kluge Wissenschaftler hochkomplex scheint, kann mit einem kindlichen Blick vielleicht ganz leicht sein.
Tobias Trumpp, Kreisdiakonieverband Rems-Murr, Sozialpsychiatrische Hilfen
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