Es wa(h)r einmal
„Es war einmal“, so fangen Märchen an. Märchen werden weniger geschätzt, weil sie ja nicht wahr sind. Als wahr gilt, dass das Erzählte zu einer bestimmten Zeit von bestimmten Menschen wirklich erlebt wurde. In dem Sinn sind Märchen in der Tat nicht wahr. Aber die Wahrheit der Märchen liegt in einem anderen Sinn: Sie erzählen von Erfahrungen, die Menschen zu allen Zeiten machten und machen. In „Hänsel und Gretel“ zum Beispiel erfahren die Kinder eine Bedrohung durch Böses und sehen sich herausgefordert, gegen Böses aktiv zu werden, um leben zu können. Ich denke, solche Erfahrungen prägen auch unser Leben.
Anders als im Märchen gibt es in der Sage einen realen Bezug, etwa zu einem Berg oder einem geschichtlichen Ereignis. Eine solche Sage erzählt der Kampf Davids gegen Goliath im Alten Testament. Das geschichtliche Ereignis ist der Krieg der Israeliten gegen die Philister. Das Heer der Israeliten bestand aus Hirten und Bauern, die man kurzfristig zum Kriegsdienst eingezogen hatte. Dem gegenüber die gut ausgerüstete Armee aus Berufssoldaten der Philister. Sie wurden dann überraschender Weise doch von den Israeliten besiegt. Die Sage schmückt das reale Geschehen aus. Der Hirtenjunge David, bewaffnet mit seiner Steinschleuder, mit der er seine Herde vor Wildtieren schützte, besiegte den Riesen Goliath. Zuvor hatte Goliath über den Gott der Israelten gelästert. Das konnte und wollte David nicht einfach hinnehmen, er wurde aktiv. Die Sage zu dem überraschenden Sieg erzählt, dass die Israeliten glaubten, dass ihr Gott mit ihnen ist und Raum für ein Leben in Freiheit schafft.
Eine andere Erzählung ist dieses Wochenende Thema in katholischen Gottesdiensten: Jesus heilt einen Taubstummen. Was an dieser Erzählung ist wahr? Ob es wirklich so war, ob die Heilung wirklich so stattgefunden hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Ich denke, mit dieser Heilung erzählt die Bibel etwas Wichtiges über Jesus. Jesus heilt unter anderem mit den Worten: „Effata!“, das heißt: Öffne dich! Damit spricht Jesus nicht nur zu dem Kranken, sondern auch zu den Zuhörenden, also auch zu uns heute. Für was sollen wir uns öffnen? Dass Jesus einen Taubstummen heilt, macht deutlich: Wenn Taube hören, Stumme sprechen und Lahme gehen, dann ist mit Jesus eine neue Zeit angebrochen. Denn in Jesus handelt Gott selbst. Darin besteht die Wahrheit dieser Erzählung. Im Glauben an diese Wahrheit wenden Christenmenschen sich den Kranken, Schwachen und Leidenden zu und vertrauen auf das Heilmachen aller Menschen durch den lebenschaffenden Gott, im Diesseits und im Jenseits.
Josef Klein, Kath.Kirche Backnang
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